Marx wird meist nur als politischer Ökonom und Revolutionär interpretiert. Aber in vielen Texten vermag er auch Zeiterfahrungen seiner Epoche in sehr packende Worte zu fassen, die einen prägnanten Eindruck vom „Ganzen“ dieser Zeit oder auch spezifischerer Erfahrungen vermitteln. Er kann insofern, vergleichbar vielleicht mit Hegel oder Benjamin, als Kulturtheoretiker gelten. Unten folgt ein großartiges Beispiel dafür, ein Auszug aus Marx‘ Rede auf der Jahresfeier des People’s Paper am 14. April 1856 in London.
Kultur verstehe ich hier, wie Walter Benjamin oder Raymond Williams, nicht die „höhere Kultur“ (Kunst, Literatur, Philosophie), sondern die Gesamtheit des unmittelbar erfahrenen Lebens einer Zeit, oder im Sinne des Begriffs „Kulturrevolution“, als der Revolution einer gesamten Lebensweise. Die allgemeine Zeiterfahrung, als wesentliches Gefühl für das Ganze dieser Zeit, ein zentrales Element der Kultur.
Oft werden diese kulturtheoretischen Stellen und Texte so abgetan, dass diese „keine richtige Wissenschaft“ und unpolitisch seien. Das ist sicherlich eine Folge des orthodoxen Marxismus und seines Ökonomismus, für den Kultur nur Überbau war. Es scheint „bloß“ literarisch, bloß die Oberfläche der Gesellschaft beschreibend – kurz: nebensächlich und sekundär zu sein. Es handelt sich aber nicht nur um einzelne literarische Einsprengsel in Texten (wie im Kommunistischen Manifest: „Ein Gespenst geht um…“, „Alles Ständische und Stehende verdampft“), die „eigentlich“ einen anderen Inhalt haben, um den es ihnen „eigentlich“ geht. Es handelt sich durchaus auch um umfangreiche theoretische Konstruktionen, wie den 18. Brumaire. Auch wenn die Stellen nicht als „bloß“ literarisch abqualifiziert werden sollten, so haben sie doch eine enorme literarische und ästhetische Qualität, voller Metaphern und satter Sprache. Das ist auch zentral, um Zeiterfahrungen zu beschreiben, und findet sich übrigens bei Hegel und Benjamin genauso.
Diese kulturtheoretischen Stellen und Texte sind allerdings von einem emphatischen und messianischen Fortschrittsdenken durchwirkt, das heute befremdlich wirkt: Das Proletariat als Heilsbringer usw. Andererseits ist dies sicherlich der Grund, warum diese kulturtheoretische Seite von Marx auch „heute“ – d.h. seit den 1960er Jahren – nicht anerkannt wird, weil sie aufgrund des Fortschrittsdenkens als bürgerlicher Ballast gelten. Aber sie lassen sich doch auch fruchtbar als Kulturtheorie lesen, wenn man dieses Fortschrittsdenken kritisch sieht.
Im folgenden Auszug aus der o.g. Rede finde ich vor allem auch interessant, wie Marx die Erfahrung der „Zweideutigkeit“ und des „Gespenstischen“ seiner Zeit darlegt – dies ist ja, was er analytisch mit der Fetischtheorie auf ihren verschiedenen Ebenen zu fassen versuchte. Und umgekehrt ist diese Fetischanalyse also nicht rein aus der Theorie herauszuverstehen, sondern begründet in dieser Zeiterfahrung – nämlich gerade die Fetischanalyse, die ja eine Theorie der Erscheinungsformen des Kapitalismus sein soll.
„Die sogenannten Revolutionen von 1848 waren nur kümmerliche Episoden – kleine Brüche und Risse in der harten Kruste der europäischen Gesellschaft. Sie offenbarten jedoch einen Abgrund. Sie enhüllten unter der scheinbar festen Oberfläche Ozeane flüssiger Masse, die nur der Expansion bedarf, um Kontinente aus festem Gestein in Stücke zerbersten zu lassen. Lärmend und verworren verkündeten sie die Emanzipation des Proletariers, d.h. das Geheimnis des 19. Jahrhunderts und der Revolution dieses Jahrhunderts.
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In unsern Tagen scheint jedes Ding mit seinem Gegenteil schwanger zu gehen. Wir sehen, daß die Maschinerie, die mit der wundervollen Kraft begabt ist, die menschliche Arbeit zu verringern und fruchtbarer zu machen, sie verkümmern läßt und bis zur Erschöpfung auszehrt. Die neuen Quellen des Reichtums verwandeln sich durch einen seltsamen Zauberbann zu Quellen der Not. Die Siege der Wissenschaft scheinen erkauft durch Verlust an Charakter. In dem Maße, wie die Menschheit die Natur bezwingt, scheint der Mensch durch andre Menschen oder durch seine eigene Niedertracht unterjocht zu werden. Selbst das reine Licht der Wissenschaft scheint nur auf dem dunklen Hintergrund der Unwissenheit leuchten zu können.“
(Marx, Rede auf der Jahresfeier des People’s Paper am 14. April 1856 in London, Übersetzung aus dem Englisch, https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1856/04/56-peopp.htm)