Verlockende Sünde: Stoffe aus dem Alten Testament im Fin de Siècle

Im Fin de Siècle um 1900 gibt es in den Künsten eine bemerkenswerte Konjunktur von Stoffen aus dem Alten Testament: „Salomé“ von Oscar Wilde, „Judith und Holofernes“ von Gustav Klimt, „Loth und seine Töchter“ von Georg Tappert, und viele mehr (siehe unten).

Das ist aus historischen Gründen bemerkenswert, weil das Alte Testament damals seit sehr langer Zeit als Motivfundus recht unüblich war, von einigen Ausnahmen abgesehen (etwa de Sade: „Die 120 Tage von Sodom“). In der Epoche der Aufklärung (Ende 17./Anfang 18. Jhdt.) diente vor allem die griechische und römische Antike als Motivlieferant, in den romantischen Tendenzen ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dann zunehmend das christliche Mittelalter. Es wurde eher noch auf Stoffe aus der islamischen Welt („Nathan der Weise“ von Lessing, „West-Östlicher Divan“ von Goethe“) oder später der germanischen Mythologie (Richard Wagner) zurückgegriffen.

Um auf eine Zeit zu stoßen, in der das Alte Testament ein üblicher Motivfundus war, muss man bis zum Barock zurückgehen, etwa zu Rembrandt oder Caravaggio.

Diese Renaissance von alttestamentarischen Stoffen ist aber auch darum bemerkenswert, weil diese nicht als früherer, idealer Zustand und als kritischer Spiegel dient, von der die Gegenwart abgefallen ist (wie Antike und Mittelalter), oder als eine Zeit der Helden und Heroen. Die Themen kreisen vielmehr um die ‚verlockende Sünde‘: um Inzest, Erotik, Nekrophilie, selbstbewusste Frauen, Rausch, religiöser Fanatismus.

In Strauss‘ Oper „Salomé“ begehrt König Herodes die Salomé, die Tochter seiner Gattin; die Begehrte fordert als Lohn dafür, für Herodes zu tanzen, den Kopf des Propheten Jochanaan.

Klimts Gemälde „Judith und Holofernes“ zeigt die von luxuriösem Gold umgebene, auf den Betrachter herunterblickende Judith mit nacktem Oberkörper – die eine Brust von einem durchsichtigem Schleier erotisierend verhüllt und doch sichtbar; erst auf den zweiten Blick gewahrt man den abgeschlagenen Kopf des Holofernes, der in Judiths Gesicht offenbar diesen lustvoll stöhnenden Gesichtsausdruck hervorruft. Im Buch „Judith“ des Alten Testaments rettet Judith das vom Heer des Holofernes belagerte jüdische Volk, indem sie diesen verführt, betrunken macht und schließlich den Kopf abschlägt.

In Tapperts Gemälde „Loth und seine Töchter“ machen die Töchter nach der Flucht aus Sodom den Vater betrunken, um ihn verführen, weil es außer ihm keine Männer mehr gebe, um Nachkommen zu zeugen. Sie schlafen mit ihm und werden von ihm schwanger. Im Gemälde räkeln sich die Töchter (deren Namen in der Bibel nicht genannt werden) unter prangender Zurschaustellung ihrer sexuellen Reize, der zugleich jede Erotik fehlt; doch strahlen alle drei zugleich einen niedergeschlagenen, fatalistischen Gemütsausdruck aus.

Diese Theaterstücke und Bilder erlauben, die eigenen tabuisierten Gelüste auf eine exotische und verfremdete Welt zu projizieren. Sie erscheinen durch ihr Verbot umso geheimnisvoller und verlockender, und werden doch als Verbotenes verabscheut. Die Szenen werden als sündhaft Verworfenes lustvoll betrachtet, und dabei wird die eigene sündhafte Verworfenheit in einer ambivalenten, dekadenten Lust an der eigenen Schlechtigkeit genossen.

Das ist die Dekadenz, wie sie von Nietzsche analysiert und geschichtlich hergeleitet wird.

Vielleicht nicht von ungefähr entstand diese Renaissance in der Phase des Erstarkens des modernen Antisemitismus: Das Alte Testament erzählt aus der Geschichte des jüdischen Volks, das in diesen Verarbeitungen aber immer nur als völlig verdorben dargestellt wird. Dadurch können die eigenen verboten Sehnsüchte als die einer fremden, abgewerteten Kultur interpretiert und abgespalten, und gerade so gewissermaßen schamfrei und dennoch lüstern betrachtet werden.

(Es handelt sich hier übrigens nicht um die Bilderwelt, die den heutigen Antisemitismus kennzeichnet: das Judentum als übermächtige, finanzstarke Verschwörung. Bis 1945 enthielt der Antisemitismus beide Bilderwelten in ihrer Ambivalenz.)

Einige Gemälde:

  • Franz von Stuck: „Judith und Holofernes“
  • Franz von Stuck: „Salomé“
  • Gustav Klimt: „Judith und Holofernes“
  • Georg Tappert: „Loth und seine Töchter“
  • Lovis Corinth: „Salomé“
  • Lovis Corinth: „Susanna im Bade”
  • Lovis Corinth: “Die Gefangennahme Simons“

Einige Dramen/Opern/Tanzstücke:

  • Oscar Wilde: „Salomé“
  • Richard Strauss: „Salomé“´
  • Hugo von Hofmannsthal: „Josephslegende“
  • Richard Beer-Homann: „Die Historie von König David“