Der Film „Der subjektive Faktor“ von Helke Sander spielt in den Jahren 1967-1970 und kann als der Film über die 68er-Bewegung bezeichnet werden, deren Anliegen, Lebensumstände und Diskussionen er darstellt. Es gelingt ihm in eindrücklicher Weise, das damalige Lebensgefühl zu vermitteln, so dass auch Zeitgenoss*innen sagen: Das war real, das war unser Leben.
Er zeigt politische Aktionen, Demonstrationen und Kongresse, in vielen Diskussionen geht es um den Vietnamkrieg, die Diktatur des Proletariats – oder warum Hausfrauen in marxistischen Klassenanalysen nicht vorkommen. Man verfolgt Plena des Westberliner SDS, das Leben in einer Kommune, marxistische Lesekreise, den Aufbau der Frauengruppen. Rudi Dutschke und K. D. Wolff sind zu sehen, ebenso Plakate von Che Guevara und Lenin, aber auch die Rede von Helke Sander auf der SDS-Konferenz von 1968 in Frankfurt.
Die Handlung des Films folgt Anni Deistler, gespielt von Angelika Rommel, die hartnäckig versucht, feministische Themen im SDS unterzubringen, und dabei immer wieder auf den Widerstand der männlichen Genossen stößt, die sich über ihre mangelnde marxistische Bildung, aber auch über Frauenemanzipation generell lustig machen. Der Film wirft ein kritisches Licht auf das Geschlechterverhältnis auf den SDS-Plena, und wie andererseits politische Differenzen in Annis Beziehungsleben hineinwirken. In vielen Facetten wird deutlich, wie Persönliches und große Politik immer wieder miteinander verflochten sind und nicht klar zu trennen sind.
Der Film ist damit auch ein Thesenfilm. Sein Thema sind die Brüche zwischen dem Engagement für die Revolution und der Emanzipation des eigenen Lebens. Auf der einen Seite die Solidarität mit dem Kampf in Vietnam gegen die USA, auf der anderen Seite die Kommune und die Kinderbetreuung. Diese Konflikte spielten sich hauptsächlich als Konflikte zwischen Frauen und Männern ab, die, wie der Film deutlich macht, gegenüber den Frauen äußerst herablassend waren.
Daher der kritisch gemeinte Titel „Der subjektive Faktor“: Das Subjektive, das eigene Leben und Empfinden, das im Engagement für die Weltrevolution nur eine instrumentelle Rolle spielt, nur ein ‚Faktor‘ ist, wird hier selbst Gegenstand. Die Emanzipation bezieht sich auf den subjektiven Faktor, das Individuum selbst.
Für diesen Konflikt steht wie kein anderes Ereignis Sanders Rede auf einer SDS-Konferenz von 1968, die im Film in einer nachgestellten Szene zu sehen ist. Sander kritisiert in der Rede die patriarchalen Verhältnisse im SDS und fordert die Befassung des SDS mit dieser Problematik. Dabei stellt sie sich keineswegs gegen den SDS, vielmehr macht sie deutlich, dass die Frauenbewegung den SDS braucht, weil die Befreiung der Frauen nur in Verbindung mit dem Klassenkampf gegen das kapitalistische System und mit anderen progressiven Organisationen gelingen könne.
Die Konsequenzen der Rede sind im Film nicht zu sehen, jedoch implizit verhandelt: Nach ihrer Rede, die vom SDS ultimativ die Auseinandersetzung mit der Frauenfrage gefordert hatte, beschließt der rein männliche SDS-Vorstand, dieser Forderung nicht zu genügen. Aufgrund dieser empörenden Ignoranz des SDS-Vorstands kommt es schließlich zu dem berühmten Tomatenwurf auf den SDS-Vorstand (die Tomate trifft Hans-Jürgen Krahl).
In der Folge kommt es zur Abspaltung der Frauenbewegung vom SDS, und es entstand eine Kluft, die lange nicht mehr überbrückt werden konnte.[1] Der Film wirft in diesem Gegensatz von Revolution und Emanzipation eine lange Reihe von Fragen auf, die er an die damalige Bewegung stellt und die uns auch heute noch betreffen – sie werden heute meist unter den Begriffen von Klassen- und Identitätspolitik diskutiert.
[1] Vgl. dazu: Julian Volz (2022): „Das ‚historisch neue Vernunftprinzip der Emanzipation‘. Über Krahl, Marcuse und die neue Frauenbewegung“, in: Meike Gerber, Emanuel Kapfinger und Julian Volz (Hrsg.): Für Hans-Jürgen Krahl, Mandelbaum Verlag, Wien und Berlin.