Am 2. Februar 2026 brachte die linke Tageszeitung nd (früher neues deutschland) einen Artikel zum 100. Geburtstag des marxistischen Rechtstheoretikers Hermann Klenner. Der Artikel berichtet von den Verdiensten des Hochbetagten und vom Festakt zu seinen Ehren. Seine NSDAP-Mitgliedschaft lässt die Autorin Karlen Vesper jedoch außen vor.
Zwar erwähnt sie, dass „HK“ (Hermann Klenner) im Oktober 1944 zur Wehrmacht eingezogen wurde, nicht aber dass er am 20. April 1944 in die NSDAP eingetreten ist. Dass diese NSDAP-Mitgliedschaft und damit nationalsozialistische Gesinnung nicht vorkommt, knüpft allerdings in gewisser Weise an Klenners eigenes Verleugnung der NSDAP-Mitgliedschaft in den 1980er Jahren an. Klenner war damals für die DDR bei der UN-Kommission für Menschenrechte tätig und wurde zweimal von Israel über seine Verstrickung mit dem Nationalsozialismus befragt. Klenner wies dies beide Male zurück, in seiner zweiten Antwort schrieb er, dass die Anschuldigungen jeglicher Basis entbehrten.
Beide Vorfälle sind natürlich lange her. Der Eintritt eines unter dem NS aufgewachsenen 18Jährigen in die NSDAP und das Verleugnen der NSDAP-Mitgliedschaft im Staatsdienst der DDR könnten ohne weiteres als Fehler eingestanden werden. Zumal Klenner kurz nach dem Krieg die Seiten wechselte und in die SPD eintrat, und als späteres SED-Mitglied offensichtlicher Gegner des Faschismus war. Benannt werden müsste beides, um der Aufrichtigkeit willen, allerdings. Klenner hält dagegen bis heute daran fest, dass er 1944 als Hitlerjunge automatisch in die NSDAP überschrieben wurde und dass er dies daher in den 1980er Jahren verschweigen konnte, weil er nicht freiwillig in die NSDAP eingetreten sei. Letzteres kann jedoch nicht stimmen, denn die NSDAP hielt bis zuletzt an der eigenhändigen Unterschrift unter den Mitgliedsantrag fest.
Der Artikel referiert zudem die Porträtierung Klenners auf dem Festakt als „klar und integer“ sowie als „moralische und intellektuelle Institution“. Jedoch wären hinter diese Aussagen auch für seine Zeit in der DDR zumindest einige Fragezeichen anzufügen, unter anderem hinsichtlich seiner elfjährigen IM-Tätigkeit für die Stasi. Auch dies könnte kontextualisiert und gegebenfalls relativiert werden. Andererseits: Würde man die Spitzeltätigkeit im Auftrag von BRD-Behörden, die Spitzel ebenfalls mit Drohungen und Angeboten rekrutieren, ebenfalls relativieren? Oder liegt der Unterschied im autoritären Staatswesen der DDR? Aber wie ist es dann einzuordnen, dass Klenner dann doch SED-Mitglied war und in vielfältiger und durchaus leitender Weise für Staatsapparate der DDR tätig war und sogar diverse Auszeichnungen von ihr erhielt? Und rieb man nicht anderen, wie Wolfgang Harich, auf die von DDR-Behörden ebenfalls scharfer Druck ausgeübt wurde, solche „Zusammenarbeit mit mit dem Regime“ nicht immer unter die Nase?
Der Artikel stellt solche Fragen nicht, sondern Klenner erscheint dort ohne Ambivalenz als Opfer der SED, der unter deren Angriffen zu leiden hatte:
„[Ihn] ereilte […] der Bannstrahl der »allwissenden« Partei, attackiert in deren Auftrag vom Staats- und Rechtstheoretiker Karl Polak, diffamiert als »Revisionist« ganzseitig auch im damaligen Zentralorgan »Neues Deutschland«. Die große Bühne für die Abkanzelung eines selbstständig Denkenden bildete die Babelsberger Konferenz im 1958, auf der Staats- und Parteichef Walter Ulbricht höchstselbst HK angriff. Der diskreditierte Wissenschaftler musste sich einem Parteiverfahren und der »Bewährung in der Produktion« unterwerfen, das hieß für ihn: zwei Jahre Dorfbürgermeister […].“
- (Anlässlich dieses Zitats eine kurz Anmerkung: Es scheint hier auch eine gewisse Schizophrenie vorzuliegen. Auf der einen Seite werden selbst SED-Mitglieder als Opfer der DDR-Diktatur dargestellt und dadurch moralisch aufgewertet, auf der anderen Seite wird die DDR dennoch als sozialistische Gesellschaft interpretiert. Es scheint mir tendenziell sogar etwas zynisch zu sein, wenn man an antiautoritäre linke Opposition in der DDR denkt, die von ihr teilweise ziemlich gewaltvoll verfolgt wurde.)
Ich war auf die Problematik um Hermann Klenner im Sommer 2024 aufmerksam geworden, als mir Igor Shoikhedbrod aus Kanada, ein „fellow marxist“ (wie man es auf Englisch so schön sagen kann), der über marxistische Rechtstheorie forscht und publiziert, ziemlich entsetzt schrieb, dass sich auf der Website der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Würdigung Klenners [https://www.rosalux.de/stiftung/bibliothek/hermann-klenner-schriften] befinde, auf von der NSDAP-Mitgliedschaft keine Rede sei. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung nennt ebenfalls lediglich die Degradierungen Klenners in der DDR nennt, nicht jedoch die NSDAP-Mitgliedschaft.
Igor hatte der RLS geschrieben, später auch ich; eine Antwort blieb aus, stattdessen wurde ein Link auf eine Stichwort-Biographie gesetzt, in der dann auch die NSDAP-Mitglied erwähnt. Mehr allerdings nicht. Ich hatte immer die RLS immer wieder angeschrieben, zwischendurch hatte ich mit einem befreundeten Mitarbeiter telefoniert und erst etwa ein Jahr später bekam ich schriftliche Antwort von einem geschichtswissenschaftlichen Mitarbeiter; aber das Ergebnis war das Gleiche, dass man es in einer Würdigung Klenners nicht für angebracht hält, auf die geschilderte Problematik näher einzugehen.
Offensichtlich war es zu naiv von mir, zu glauben, dass es in der Linken bei aller sonstigen Meinungsverschiedenheit zumindest in puncto NSDAP keinen Millimeter Unklarheit und Verwischen gibt. Und dass ich die RLS quasi nur auf das Problem hinweisen müsste.
Auch der Redaktion des „nd“ schrieb ich in Reaktion des nd schrieb ich in Reaktion auf Artikel vom 2. Februar. Auch hier blieb die Antwort aus.
Diese Erfahrung irritierte mich stark und warf für mich eine ganze Reihe von Fragen auf. Warum verleugnet Klenner im Staatsauftrag eines „antifaschistischen Arbeiter- und Bauernstaats“ seine NSDAP-Mitgliedschaft? Wieviele Funktionäre der DDR gab es noch, die früher Nazis waren und stimmt die Legende, dass die DDR einen ganz anderen Umgang mit ihnen hatte, als die BRD, vielleicht doch nicht?
Aber vor allem: Warum diese seltsame Nicht-Reaktion durch Rosa-Luxemburg-Stiftung und neues deutschland?
An der Stelle ist nun zu erwähnen, dass das neue deutschland die Parteizeitung der SED war und auch die Rosa-Luxemburg-Stiftung aus Kreisen um die PDS hervorging. Einerseits wird zwar immer der politische und strukturelle Bruch mit dem System der DDR betont. Andererseits scheint es doch starke Kontinuitäten zu geben, die bis heute fortwirken, aber um die es einen Mantel des Schweigens gibt. So jedenfalls meine Schlussfolgerung zu der Nichtreaktion. Man will es aussitzen und hofft, dass es vorübergeht.
Man könnte natürlich einwenden, dass sich die Zeitung und die Stiftung tagtäglich mit immens vielen Anfragen und Anliegen auseinandersetzen müssen. Aber warum setzt dann die Stiftung dann doch klammheimlich einen Link auf die Website auf die Kurzbiographie von Klenner? Und warum schied Klenner 2022 aus dem Ältestenrat der Linkspartei aus, just zu dem Zeitpunkt, als rechte Publizisten die NSDAP-Mitgliedschaft Klenners problematisierten? Aus persönlichen Gründen zufällig zur selben Zeit? Und gibt es nicht in Wahrheit, wenn man etwas näher schaut, eine ganze Reihe von Institutionen im Kontext der Linken, die eine zumindest fragwürdige historische Beziehung oder Nähe zum sogenannten „Realsozialismus“ haben? Beispielsweise die Leibniz-Societät, die Klenners Geburtstag feierte, oder das Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus, das politisch aus alten SEW-Strukturen herkommt, also dem Westberliner Pendant der SED.
Es scheint unausgesprochene Grenzen zu geben, an die sich niemand herantraut, und die möglicherweise aufgrund zugrunde liegender Machtstrukturen nicht offen angesprochen werden können. Möglicherweise sind die Strukturen aus DDR-Zeiten eben doch nicht vorbei, selbst nach über 35 Jahren, und werden offenbar reproduziert, was aber von außen nicht sehr deutlich ist und jedenfalls eine andere Fassade hat. Es ist immerhin seltsam, dass es über die Kontinuität autoritärer linke Strukturen keine Debatte gibt, während in der heutigen Linke sonst der kleinste Verdacht auf Autoritarismus oder „regressive Einstellung“ zu Gegensätzen ums Ganze aufgebläht werden, sei es Eurozentrismus, Antisemitismus, toxische Männlichkeit usw.
So eine Kritik, wie ich sie hier bringe, wird von den einschlägigen Akteuren häufig als „rechte“ Kampagne beiseite gewischt. Es seien tagespolitisch und antikommunistisch motivierte Attacken auf die ehemalige DDR. Zusätzlich wird ein Chauvinismus von Westdeutschen, die sich für die Ambivalenzen und Differenzen in der DDR nicht interessieren würden, ins Spiel gebracht und so die Kritik deflektiert. Diese Argumente stimmen alle, und solche Attacken sind real und häufig, wie etwa im Fall der FDJ-Vergangenheit von Andrej Holm (den dann übrigens die Linkspartei um der Koalitionsfähigkeit selbst fallen ließ!). Sie werden ein Problem, wenn sie dafür eingesetzt werden, einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Stalinismus (auch mit dem Reform-Stalinismus nach Chruschtschows Geheimrede 1956) aus dem Weg zu gehen und tatsächlich kein klar negatives Verhältnis dazu zu finden, sondern das irgendwie doch als sozialistisch, alternativ, emanzipatorisch zurechtzubiegen.
Aus all dem ist im Übrigen nicht zu folgern, dass Hermann Klenners Werk zu entwerten oder seine Person grundsätzlich zu denunzieren wäre. Es stimmt ja: Er hat in seinem langen Leben unglaublich viel gemacht und auch durchgestanden, und geleistet, wissenschaftliche Arbeiten und editorische Tätigkeiten. Aber das ist hier nicht das Thema und in den Diskussionen, die ich bisher über die Problematik geführt habe, scheinen mir die Betonung der „unabweisbaren Verdienste“ (ja stimmt! Warum muss das dann eigens hervorheben?) hauptsächlich dazu zu dienen, von der Problematisierung abzulenken. Es wäre ja im Grunde kein Problem, die hier genannten Kritikpunkte einfach geradewegs zuzugeben und zum Beispiel in einer Würdigung Klenners dann auch Schattenseiten zu erwähnen. Dass dies unterbleibt, zeigt, dass es doch nicht so einfach ist, und die Kritik wohl etwas trifft, was man unter den gegebenen Bedingungen nicht so einfach zugeben kann.
Um die Debatte weg von Klenners Person zu bringen, bietet sich das Konzept des „linientreuen Dissidenten“ an. Damit kann Klenners widersprüchliche Position in der DDR und heute politisch und nicht als moralischer Vorwurf diskutiert werden. Das Konzept des „linientreuen Dissidenten” stammt von Jürgen Kuczynski, der sich selbst damit meinte. Dieser Begriff bezeichnet orthodoxe Marxisten, die kritisch gegenüber der stalinistischen Herrschaft sind und sich ihr teils widersetzen, aber die DDR und die Sowjetunion grundsätzlich als sozialistische Projekte unter den schlechten Bedingungen einer nach wie vor vorwiegend vom Kapitalismus beherrschten Erde betrachten: Linientreue Dissidenten unterstützen die DDR oder die Sowjetunion grundsätzlich, auch in amtlichen oder Regierungsfunktionen, sind grundsätzlich solidarisch mit ihr, versuchen aber gleichzeitig, sie zu demokratisieren und ecken daher auch ständig an. Andere berühmte Beispiele sind Wolfgang Harich oder Georg Lukács, deren unaufhörliches eigenartiges Schwanken zwischen Dissidenz und Linientreue so auf den Begriff gebracht werden kann.
Gleichzeitig ist diese Diskussion auch 36 Jahre nach dem Mauerfall noch lange nicht abgeschlossen: Denn die Strukturen, Netzwerke und politischen Überzeugungen aus der DDR sind nach wie vor präsent bzw. wurden damals an die folgende Generation weitergegeben. Und gerade schickt sich im Zuge des aktuellen Aufstiegs neoleninistischer sowie auch neostalinistischer Gruppen und Diskurse eine neue, junge Generation an, diese unaufgearbeiteten Probleme von neuem fortzuführen.
Das eigentliche Problem ist daher nicht Klenner, oder andere Einzelpersonen. Das eigentliche Problem liegt tiefer, es sind diese Institutionen und die mit ihnen verbundenen Teil der Linken. Es mag seit 1990 gibt es tatsächlich eine Distanzierung vom (reformierten) Stalinismus und den Strukturen der DDR geben. Doch diese Distanzierung bleibt oberflächlich, und hinter der Fassade teilweise raffiniert versteckt wirken die Probleme fort. Es gibt immer wieder politische Angriffe von rechts gegen die Linke, weil sie immer noch mit der DDR verstrickt sei. Aber die Linke reagiert darauf lediglich mit Empörung und Selbstgerechtigkeit. Durch Hinweis auf das Interesse hinter diesen Angriffe legitimiert sie, dass sie sich letzten Endes nicht tiefgreifend und substanziell mit den Kritikpunkten auseinandersetzt.
Ich halte diese Thematik für gravierend. Ich hätte mir das, bevor ich auf den „Fall Klenner“ gestoßen bin, wirklich nicht denken mögen. Umso mehr zeigt es, wie erfolgreich die Strategie des Verbergens hinter der Fassade war – da eben nicht mal ich es erkannt habe, obwohl ich mich so lange schon in diesem politischen Milieu bewege.
Es bleibt letzten Endes nur eine aufrichtige und ernsthafte Auseinandersetzung und Kritik mit dem immer noch unaufgearbeiteten Stalinismus aus radikalemanzipatorischer marxistischer Perspektive.